Beyond the Screen mit Myriam Rachmuth
Die Editorin über das Zusammenspiel von Musik und Montage und ihren Werdegang
14.04.2026
Myriam Rachmuth hat an der ECAL Regie studiert und sich anschliessend als Editorin einen Namen gemacht. 2021 erhielt sie für die Montage von SCHWESTERLEIN den Schweizer Filmpreis. Ihre aktuellste Arbeit, SAFE SPACES von Sarah Horst, produziert von Milan Film, feiert an den Visions du Réel in Nyon seine Weltpremiere.
Wie ist die Zusammenarbeit für SAFE SPACES entstanden?
Regisseurin Sarah Horst hat mich angerufen, nachdem die Dreharbeiten bereits abgeschlossen waren. Wir kannten uns nicht. Um mir ein Bild des Projekts zu machen, bat ich sie, mir das Dossier mit ein paar Stills zu schicken. Sie verbrachte dann einen ganzen Tag damit, Screenshots zu machen! Die Protagonist:innen und die Bilder gefielen mir sofort. Als ich mich dann mit Sarah austauschte und ihre Herangehensweise kennenlernte, wusste ich, dass wir uns gut verstehen würden.
Das war deine erste Zusammenarbeit mit einer Deutschschweizer Regisseurin. Was reizt dich an der Zusammenarbeit über den Röstigraben hinaus?
Die Schweiz ist klein, aber ich hatte selten die Gelegenheit, ausserhalb der Romandie zu arbeiten. Es gibt es in der Schweiz zahlreiche Talente, und wir können viel voneinander profitieren, wenn es aus produktionstechnischer Sicht möglich ist.
Bei SAFE SPACES fand ich es toll, meinen Horizont zu erweitern und andere Arbeitsweisen zu entdecken (und dabei auch noch ein bisschen mein Schweizerdeutsch zu üben). Ausserdem liebe ich es, Filme in anderen Sprachen als Französisch zu schneiden, das bringt mir neue musikalische Facetten näher.
Für SCHWESTERLEIN, den ich 2019 geschnitten habe, haben die Westschweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond mit einem teils Deutschschweizer Team gearbeitet. Ich glaube, das hat dem Film enorm viel gegeben.
Wie hat sich der Filmpreis für « SCHWESTERLEIN» auf deine Karriere ausgewirkt?
Dadurch konnte ich mir bestätigen, dass ich beim Schnitt auf dem richtigen Weg war. Mehr als der Preis selbst, ist mir von damals geblieben, was ich von den Regisseurinnen gelernt habe.
Beim Schnitt legten sie besonderen Wert darauf, mit den Schauspieler*innen zu «atmen», sich von ihrem Atem tragen zu lassen. Das war etwas, was ich bereits intuitiv tat, aber es mir bewusst zu machen, war für mich ein Aha-Erlebnis. Heute denke bei jedem Schnitt daran, sowohl bei Spiel- als auch bei Dokumentarfilmen.
Ich habe erst dadurch die Erfahurng gemacht, inwieweit Musik als Element für die Montag eingesetzt werden kann – genauso wie das Schauspiel, die Rushes oder Geräusche. Ich denke schon sehr früh im Prozess über Sequenzen nach, die musikalisch unterlegt werden können, und ich versuche, von Anfang an musikalische Entwürfe zu haben, um bis zum Ende des Schnitts im Ping-Pong-Verfahren mit den Komponist:innen zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise habe ich insbesondere an SAFE SPACES (Musik von Mirjam Skal) und CASCADEUSES (Ella Malherbe und Marzia Celii) gearbeitet, deren Musik ich liebe.
An welches Ereignis oder Projekt aus dem Studium magst du dich noch gerne erinnern?
Eine prägende Erinnerung ist der kurze Dokumentarfilm, den ich während meines Studiums an der ECAL gedreht habe. ENTRE LES PASSES fängt den Alltag zweier junger Rumäninnen ein, die in die Schweiz gekommen sind, um in einem Bordell zu arbeiten. Das war für mich eine Gelegenheit, mich mit Begierde, Selbstwertgefühl und Liebe auseinanderzusetzen, aber auch, mich mit meiner rumänischen Identität zu auseinanderzusetzen.
Mit diesem Film hatte ich das Glück, auf Festivals zu reisen. Dort entdeckte ich neue Möglichkeiten des Filmemachens, indem ich mir sehr unterschiedliche Filme aus verschiedenen Regionen der Welt ansah, die Themen behandelten, die mir manchmal unbekannt waren. Eine Gelegenheit, die Welt durch den einzigartigen Blick der verschiedenen Autor:innen neu zu entdecken.
Welche Editor:innen haben dich inspiriert dich beruflich auf den Schnitt zu fokussieren?
Es waren nicht wirklich bestimmte Personen, die mich auf die Idee gebracht haben, Editorin zu werden, sondern vielmehr meine Erfahrungen während des Studiums. Ich habe Regie studiert, aber schon recht schnell spürte ich, dass ich lieber Projekte begleiten wollte, die von anderen vorangetrieben wurden, dabei aber dennoch beim Kern des Schreibprozesses und nah an der Regie stehen wollte.
Als ich mich für Schnitt entschied, wurden Editorinnen wie Karine Sudan oder Loredana Cristelli zu inspirierenden und motivierenden Vorbildern. Beide verfügen über eine beeindruckende Filmografie, mit zahlreichen Kooperationen mit bestimmten Regisseur:innen, aber auch einer grossen Vielfalt an Filmen. Loredana hat mich übrigens bei den ersten Spielfilmen begleitet, die ich geschnitten habe, und war immer eine grosse Unterstützerin.
Gibt es Filmszenen, an die du dich immer und immer wieder auch ungewollt erinnerst – im Traum, beim Einkaufen oder unter der Dusche?
Die Szenen und vor allem die Dialoge der Filme, die ich gerade schneide! Oft träume ich von Sätzen, die ich im Laufe des Tages 50 Mal gehört habe. Meistens sind es übrigens ganz banale Sätze, deren Klang mir wie eine sich wiederholende Melodie im Ohr bleibt.
Du warst 2024 bei den Berlinale Talents dabei. Was ist von deinen Erfahrungen und dem Netzwerken geblieben?
Ich habe tolle internationale Begegnungen gehabt, aber es kommt selten vor, dass ich für einen ausländischen Film engagiert werde – es sei denn, es handelt sich um eine Schweizer Koproduktion. Auf menschlicher Ebene sind mir diese Erlebnisse in guter Erinnerung geblieben, insbesondere was die Begegnungen unter den Editor:nnen angeht. Alle haben ihre Erfahrungen, Stärken und Schwächen mit grosszügig ausgetauscht, ohne etwas beweisen zu müssen. Ich bin voller Energie und Inspiration daraus hervorgegangen.
Wie würdest Du deinen Stil, deine Arbeitsweise beschreiben?
Ich versuche, den Regisseur:innen aufmerksam zuzuhören, denn bei jedem Filmschnitt muss die Vorgehensweise gemeinsam neu erfunden werden. Der Austausch ist sehr wertvoll, denn so kann ich verstehen, wohin die Person den Film führen möchte, und herausfinden, wie ich sie dabei begleiten kann.
Auch wenn ich den Montageprozess auswendig kenne, versuche ich, mit meinen Emotionen und Empfindungen in Verbindung zu bleiben, um den Film bei jeder Sichtung neu zu entdecken und seinen Rhythmus und seine Musik so zu spüren, als würde ich ihn zum ersten Mal erleben.
Wie fällst du deine Entscheidungen für Projektangebote?
Mir gefällt es, zwischen verschiedenen Formaten, Stilen und Themen zu wechseln, zwischen Dokumentation und Fiktion zu schwanken, neue Leute kennenzulernen, mit denen ich zusammenarbeiten kann, aber auch bereits bewährte Kooperationen fortzusetzen… Doch was immer an erster Stelle steht, ist die Beziehung zu der Person, die den Film realisiert. Das Gefühl, dass wir uns in ethischer Hinsicht auf einer Wellenlänge befinden und dass wir uns während des gesamten Schnittprozesses frei ausdrücken und einander zuhören können.
An welchen Projekten arbeitest Du aktuell?
Ich habe soeben die Montage des kurzen Spielfilms von Natalia Ducrey und Raphaël Rivière fertiggestellt: L’INSTINCT PATERNEL, eine Komödie, die voraussichtlich dieses Jahr erscheinen wird.
Außerdem arbeite ich derzeit an zwei Projekten der Reihe «De la scène à l’écran» von RTS sowie an mehreren Spiel- und Dokumentarfilmen, die sich noch in der Finanzierungsphase befinden, darunter der nächste Film von Sarah Horst.