Beyond the screen mit Christian Wehrlin
Der Drehbuchautor über das Entwickeln glaubwürdiger Figuren
17.03.2026
Der Drehbuchautor über das Entwickeln glaubwürdiger Figuren in seinen neuesten Arbeiten bei BLIND und GOLD. Mit letzterer hat er an der Berlinale den Co-Pro Series Award erhalten. Am Serienmarkt in Lille rückt der Thriller erneute in den Fokus.
Was sind die zentralen Herausforderungen bei der Entwicklung eines solchen Projekts?
Wenn ein Projekt auf realen Begebenheiten beruht, hat man immer diesen Spagat: respektvoll mit der Realität umgehen, aber sich nicht von ihr einschränken lassen. Bei GOLD ist die Welt extrem komplex, vom Schweizer Goldmarkt bis zu informellen Minen in Westafrika und den Grauzonen in Dubai. Die Kunst ist, das so zu verdichten, dass es emotional und spannend bleibt, ohne in Erklärungen abzurutschen. Am Ende soll man als Zuschauer:in an den Figuren dranbleiben und sie nicht mehr loslassen wollen.
Eine weitere Herausforderung ist der Thriller selbst: Der Drive muss immer aus der Figur kommen, damit man über mehrere Episoden wirklich dranbleibt. Hannah ist keine klassische Heldin, sie verschiebt Schritt für Schritt ihre moralischen Grenzen und muss ständig Entscheidungen treffen, die sie innerlich zerreissen. Das funktioniert nur, wenn man emotional bei ihr bleibt, wenn man ihr folgen will, auch wenn es weh tut. Und wenn ihre Dilemmata universell sind, trägt das am Ende die ganze Geschichte.
Neben «GOLD» wird die Serie «BLIND» - produziert von Zodiac Pictures im Showcase COMING NEXT FROM SWITZERLAND in Lille gezeigt. Wo findest Du Inspiration für deine Ideen?
Im Fall von BLIND kommt die ursprüngliche Inspiration von Christine Brand, die den Roman geschrieben hat, und vom Creator Plinio Bachmann und der Produzentin Jessica Hefti, die mich auf das Projekt geholt haben. Gleichzeitig haben wir nicht einfach nur «umgesetzt», sondern vor allem viel entwickelt und eigene Ideen mit eingebracht.
Grundsätzlich entsteht Inspiration für mich oft dort, wo ein Widerspruch im Raum steht. Ich bin ein aufmerksamer Beobachter und Leser, und obwohl ich mein Sozialanthropologie-Studium nicht in einen Beruf übersetzt habe, habe ich das Mindset stark mitgenommen. Manchmal reicht ein Detail: ein Satz, ein Artikel, ein Bild, das etwas auslöst und die Gedanken in Gang setzt. Mich interessiert besonders, wo Individuen auf Gesellschaft prallen und wie sie innerhalb ihrer Welt handeln. Wenn ich diese Welt gefunden habe, investiere ich viel in Recherche und finde in der Realität oft den Funken für meine fiktionalen Figuren und Geschichten.
Wie arbeitest du an Figuren, damit sie über mehrere Episoden hinweg glaubwürdig und aktiv bleiben?
Ich glaube, ich beginne weniger mit einer Theorie als mit einer Bauchfrage: Was interessiert mich an dieser Figur so sehr, dass ich mehrere Stunden mit ihr verbringen will? Das ist nie eine Garantie, aber es ist der ehrlichste Kompass, den ich habe. Und dann muss ich davon ausgehen, dass das, was mich an der Welt und an den Figuren packt, auch für andere gelten kann.
Handwerklich übersetze ich das in zwei Dinge. Erstens braucht jede Hauptfigur einen Motor, der nicht ausgeht: ein Bedürfnis, eine Angst, etwas, das sie antreibt, egal ob wir in Episode 2 oder 5 sind. Zweitens baue ich eine Kette aus Entscheidungen statt aus Ereignissen. In jeder Episode muss sie etwas wollen, etwas riskieren und eine Wahl treffen, die Konsequenzen hat. So bleibt sie aktiv, weil der Plot nicht über sie hinwegrollt, sondern aus ihr entsteht. Und wenn dann Beziehungen sich dabei wirklich verändern und jede Entscheidung einen Preis hat, bleiben Figuren für mich glaubwürdig und spannend, über mehrere Episoden hinweg.
In welchem Masse fliessen deine persönlichen oder beruflichen Erfahrungen in deine Schreibarbeit ein?
Nicht im Sinne von: «Ich schreibe mein Leben», das liegt mir fern. Aber natürlich steckt in jeder Geschichte und jeder Figur etwas sehr Persönliches, einfach weil wir beim Schreiben ständig mit eigenen Erfahrungen andocken. Ich schreibe selten allein, meistens im Team, in Writers’ Rooms, und da dauert es oft nicht lange, bis man beim Entwickeln der Figuren plötzlich auch über sich selbst spricht. Das hilft, Situationen und Gefühle wirklich zu verstehen. Aber ich bin auch froh, dass ich keinen Mord begehen muss, um einen Mörder schreiben zu können.
Nebst den emotionalen Erfahrungen hilft mir im Schreibprozess, dass ich andere Positionen in der Branche kenne, weil ich während zehn Jahren als Aufnahmeleiter und in der Produktion viele Dreharbeiten organisiert habe. Ich habe ein Bewusstsein dafür, was Entscheidungen in der Entwicklung später für Konsequenzen haben. Eine Explosion zu schreiben ist deutlich einfacher, als sie zu drehen. Ich versuche mich in der Schreibphase nicht zu stark einzuschränken, will aber ein vorausschauender Partner für Produktion und Regie sein und mitdenken: Lösungen finden, die inhaltlich stark sind und gleichzeitig realistisch umsetzbar.
Musstest Du schon mal eine Lieblingsfigur von Dir aus einer Serie streichen und ja welche?
Ich glaube nein. Zwar kommt es immer wieder vor, dass wir Nebenfiguren streichen müssen, und manchmal tut das im Moment auch etwas weh. Doch meist ist es eher eine Erlösung, weil es dadurch eine andere Figur stärker und klarer macht.
Wann übergibst du die finale Drehbuch-Version der Produktion? Bist Du beim Dreh noch weiter involviert oder übernehmen dann Regie und Produktion die führende Rolle?
Das kommt sehr auf das Projekt an. Eine wirklich «finale» Drehbuch-Version gibt es kaum je. Bei BLIND hat irgendwann der Creator und Head-Autor Plinio Bachmann übernommen, da war ich bei den Gesprächen mit der Regie bereits nicht mehr dabei. Bei UNSERE KLEINE BOTSCHAFT war es anders: Da haben mein Co-Head Autor Pascal Glatz und ich sehr lange gemeinsam mit den Regisseuren Johannes Bachmann und Johannes Schröder an den Drehbüchern gearbeitet und zum Teil auch während der Dreharbeiten noch Anpassungen vorgenommen, wenn das von ihnen gewünscht war.
Wichtig ist, dass die Rollen früh klar verteilt sind. Es gibt verschiedene Arten der Zusammenarbeit zwischen Produktion, Regie und Autor:innen. Wenn jemand auch Showrunner ist, bleibt diese Person in der Regel bis in Schnitt und Postproduktion eng eingebunden und trägt dort auch Verantwortung. Aber schon als Creator ist man oft stark in die Umsetzung involviert. Bei der schweizerisch-spanisch-galizischen Koproduktion O SUIZO, die wir gerade entwickeln, sind zum Beispiel Pascal und ich bei der Auswahl von Cast und zentralen Crew-Positionen mit am Tisch und werden die Dreharbeiten und die Postproduktion eng begleiten.
Du hast fast alle Phasen der audiovisuellen Produktion durchlaufen. Gab es einen entscheidenden Moment für dich, wo du entschieden hast, ich konzentriere mich auf Drehbücher?
Nicht einen klaren Moment, eher eine Phase. Der Traum, Filmemacher zu werden, begann schon als Teenager auf der Piazza Grande in Locarno. Aber Geschichten erzählen hiess für mich lange: Regie führen. Das Schreiben kam eher nebenbei, gehörte halt auch dazu, vielleicht auch, weil ich mir nie vorstellen konnte, allein in einer Schreibkammer zu sitzen. Der Autorenberuf schien für mich lange keine Option.
Der Wendepunkt kam, als Peter Reichenbach von C-Films mir zusammen mit meinem Schreibpartner Pascal Glatz die Chance gab, eine Serie zu entwickeln. Da habe ich gemerkt, dass Schreiben nicht einsam sein muss, sondern sehr kollaborativ sein kann. Das war wie eine Erlösung. Seitdem liebe ich es, dort zu arbeiten, wo alles beginnt: bei der Idee, beim Suchen nach der richtigen Form für die Geschichte, beim Bauen von Figuren und beim Finden einer Dramaturgie, die trägt.
Wie lautet die Zauberformel für gute Serien?
Würde ich sie kennen, würde ich sie hier nicht preisgeben, sondern für mich behalten und damit reich werden. Aber die Wahrheit ist: Es gibt keine Zauberformel. Und das ist auch das Schöne daran. Klar gibt es Dinge, die eine Serie braucht, um zu funktionieren: ein klarer Motor, aktive Figuren und ehrliche Emotionen, an die wir andocken können.
Das alles ist aber kein Garant für Erfolg. Mein Ziel ist es, darüber hinaus etwas zu bieten, das einen neuartigen Einblick gewährt. Einen Ton, eine Welt, einen Blick, der sich frisch anfühlt. Ich versuche das zu erreichen, indem ich, oder wir – ich arbeite ja kaum je allein – mich wirklich ernsthaft mit dem Thema und der Welt auseinandersetze, die wir erzählen wollen.
Ich glaube, man spürt das als Zuschauer:in. In der sorgfältigen Zeichnung von Figuren und Konflikten kann man am ehesten etwas entdecken, das das Schauen zu einem Erlebnis macht. Für uns Autor:innen bedeutet das aber auch: Wir müssen uns bei jedem Projekt neu erfinden, herausfinden, was genau diese Geschichte ausmacht, und uns ganz auf sie einlassen.
Wie reizvoll sind für dich Koproduktionen mit europäischen Partnern an einer spanischen, englischen oder italienischen Serie mitzuarbeiten?
Enorm reizvoll. Koproduktionen bringen zwar oft komplexe Finanzierungsstrukturen mit sich, und das macht Prozesse komplizierter. Aber die Zusammenarbeit zwingt einen auch, neue Perspektiven wirklich ernst zu nehmen. Das erweitert nicht nur meinen eigenen Horizont, es hilft ganz konkret im kreativen Prozess. Plötzlich stellt man andere Fragen an Figuren, Konflikte und Ton.
Mir ist wichtig, dass ich Geschichten nicht nur aus der eigenen Bubble erzähle. Wenn man mit anderen Ländern zusammenarbeitet, lernt man andere Blickwinkel kennen, und umgekehrt treffen auch andere Stimmen auf unsere Stoffe. Ich hoffe, dass solche Zusammenarbeit nicht nur bessere Serien hervorbringt, sondern auch etwas bewirkt: mehr Verständnis für andere und, im besten Fall, auch für uns selbst.
An welchen weiteren Projekten/Serien arbeitest Du noch?
Weil man kaum je abschätzen kann, wann ein Projekt ins Stocken gerät oder Rückenwind erhält, ist es wichtig, immer an mehreren Projekten gleichzeitig zu arbeiten. Am aktuellsten sind drei: die zweite Staffel von BLIND, O SUIZO und GOLD.
Bei BLIND 2 sind wir nach einer intensiven Writers’ Room-Woche jetzt an den Drehbüchern. Für die Krimiserie O SUIZO waren wir im Januar vor Ort in Galizien und sind nun am Schreiben. Und GOLD pitchen wir im März an der Series Mania, in der Hoffnung, die passenden Partner zu finden, um die nächste Entwicklungsphase anzustossen.
Zum Creator-Job gehört es auch, Projekte zu präsentieren und zu verkaufen, manchmal kostet das fast mehr Zeit als das Schreiben. Umso schöner ist es, wenn man das Greenlight erhält und sich ganz auf die Geschichte konzentrieren kann.
Und zuletzt, kitzelt es dich irgendwann mal wieder selbst Regie zu führen und das letzte Wort zu haben?
Im Moment nicht. Ich bin sehr gern Autor, und meine Position im Dreieck Produktion, Regie, Autor passt mir. Ich konzentriere mich lieber darauf, ein möglichst guter Autor zu sein und meinen Teil beizutragen, damit unsere Projekte Erfolg haben.
Dabei geht es für mich gar nicht so sehr um die Frage, wer das letzte Wort hat. Es gibt Formen der Zusammenarbeit, in denen Autor:innen entscheidend mitreden können. Und Film, das ist ja das Schöne daran, entsteht immer im Team.
Das gilt besonders fürs Schreiben selbst. Einer der Hauptgründe, warum ich diesen Beruf liebe, ist die Zusammenarbeit im Writers’ Room und das gemeinsame Entwickeln einer Geschichte. Ich arbeite mit mehreren Autorinnen und Autoren regelmässig und sehr eng zusammen und geniesse es, dass unsere Serien nicht aus einer einzelnen Feder entstehen, sondern aus dieser Zusammenarbeit, egal ob ich als Head-Autor dabei bin oder als Staff Writer.