TALKING TO… Fabian Gamper
Der Kameramann steht international hoch im Kurs
14.01.2026
Der Schweizer Kameramann hat für die aussergewöhnliche Bildgestaltung in Mascha Schilinskis IN DIE SONNE SCHAUEN viel Aufmerksamkeit erhalten und hat gute Chancen auf einen European Film Award und eine Oscar-Nominierung.
Der deutsche Spielfilm gewann 2025 in Cannes den Preis der Jury und steht zurzeit auf der Oscar-Shortlist in der Kategorie «International Feature» sowie «Cinematography». Fabian Gamper gewann am Festival Camerimage den Silver Frog und ist bei den European Film Awards als European Cinematographer nominiert. Ob er den Preis entgegennehmen kann, entscheidet sich am 17. Januar in Berlin. Die Oscar-Nominationen werden am 22. Januar bekannt gegeben.
Wie beschreibst du deinen persönlichen Stil?
Ich finde es interessant, möglichst offen an jedes Projekt heranzugehen. Ich mag Filme sehr, die eine Bildsprache haben, die ganz spezifisch zu dem Film gehört. Wenn die Geheimnisse des Films – das, was zwischen den Zeilen passiert –, fotografisch aufgegriffen werden oder die Kamera eine ganz bestimmte Erzählperspektive einnimmt. Ich versuche mich möglichst nicht von Vorlieben für bestimmte Aufnahmetechniken leiten zu lassen, sondern von dem Drehbuch, der Vision der Regie, den Drehorten und den Schauspieler:innen.
Was ist dir bei der Arbeit in einem Filmteam besonders wichtig?
Ich mag es sehr, wenn das Team der Faszination für den Film, den man gerade dreht, angesteckt ist. Drehen ist ein so anstrengender Prozess; es ist für alle Beteiligten auch viel Lebenszeit, die man in ein Projekt investiert. Wenn man eine Vision teilt und zusammen ein Ziel verfolgt, macht die Arbeit Spass und es können Aufnahmen gelingen, die man so nicht für machbar geglaubt hätte. Das passiert natürlich nicht immer und kann also auch nicht die Voraussetzung sein. Für mich ist es ein Ideal, welches bei dem Dreh zu IN DIE SONNE SCHAUEN eingetroffen ist. Wir hatten ein sehr kleines Budget im Verhältnis zu dem, was wir erreichen wollten. Das hat nur dank dem unglaublich tollen Einsatz des Teams funktioniert.
Du hast zuerst in der Schweiz (ZHdK), dann in Deutschland studiert, wo du inzwischen vor allem tätig bist. Unterscheiden sich die Arbeitsweisen in den beiden Ländern?
In der Schweiz habe ich noch als zweiter Kameraassistent und in sonstigen Tätigkeiten am Set gearbeitet. Nach meinem zweiten Studium in Deutschland bin ich erst richtig als Kameramann eingestiegen. Insofern ist es gar nicht so leicht, einen direkten Vergleich zu ziehen. Zumal da auch einige Zeit dazwischen liegt und man damals z.B. noch mehr auf analogem Film gedreht hat; ich hatte bei meinen ersten Drehs noch Filmmagazine eingelegt.
Ich erlebe nun des Öfteren auch Koproduktionen, bei denen Teams aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen. Ich mag es, die für mich neuen Ansätze aufzunehmen und zu integrieren. Ich würde mich freuen, bald auch wieder vermehrt in der Schweiz zu drehen!
Gibt es konkrete Einflüsse auf deine Bildsprache – sei dies aus Film oder anderen Medien?
Das sind für jeden Film ganz andere. Für IN DIE SONNE SCHAUEN war es hauptsächlich die fotografische Arbeit von Francesca Woodman. Es gibt auch andere Filme, die für mich irgendwie mitschwingen. Oft inspiriert mich bei meiner Arbeit die Zusammenarbeit des Regisseurs SteveMcQueen mit seinem Kameramann Sean Bobbitt.
Bei «IN DIE SONNE SCHAUEN» verwendest du für die verschiedenen Zeitebenen unterschiedliche visuelle Sprachen. Wie habt ihr diese entwickelt?
Die Regisseurin Mascha Schilinski hatte von Anfang an die Vision einen Film zu machen, der in seiner Erzählstruktur assoziativ, wie Erinnerung, funktioniert. Das war auch unser Ansatz für die Bildsprache – wir wollten Bilder finden, die aussehen wie die Bilder in unserem Kopf, wenn wir uns an etwas erinnern.
Ich hatte in der Recherche manchmal tatsächlich die Augen zu gemacht und mich an ein Ereignis erinnert, was weit zurück liegt. Dass ist nicht komplett scharf und es sind auch nicht alle Details präsent. Wie zum Beispiel das Gesicht einer Person, die man lange nicht gesehen hat, und man nicht direkt an die Erinnerung herankommt, wie die Person genau ausgesehen hat. Ich habe alle möglichen Effekte getestet und wir haben das Material bewertet, bis wir ein paar Ansätze gefunden haben, die sich für uns stimmig angefühlt haben.
Auch die Kamerabewegung war für uns ein wichtiges Thema. Wir wollten der Kamera eine gewisse «Körperlichkeit» geben – als wäre die Kamera ein Geist, der sich nicht nur im Raum, sondern auch frei durch die Zeit bewegen kann. Ich habe beim «Operaten» versucht, die Kamera eher so zu bewegen, als wäre sie ein neugieriges Wesen als eine konventionelle Filmkamera. Auch die Schauspieler:innen wurden in diese Idee einbezogen und waren sich zum Teil der Anwesenheit der Kamera auch als Figur bewusst. Wir haben sogar mit Blicken in die Kamera gearbeitet.
Wie haben sich der Erfolg und die Auszeichnungen für den Film auf deine Karriere ausgewirkt? Gab es internationale Angebote?
Ja. Gerade musste ich leider ein paar Projekte absagen, um weiter mit dem Film unterwegs sein zu können, und vor allem, weil Mascha Schilinski und ich Eltern geworden sind. Wir sind so zusagen ein Familienunternehmen. Ich freue mich aber natürlich sehr, bald wieder mit dem Drehen einzusteigen.