BEYOND THE SCREEN mit Su Erdt
Die Production Designerin über das Gestalten filmischer Realitäten
21.01.2026
Su Erdt ist seit 2004 als freie Szenenbildnerin im In- und Ausland tätig und war unter anderem für HALLO BETTY und STILLER für das Producion Design verantwortlich. 2019 erhielt sie beim Schweizer Filmpreis den Spezialpreis der Akademie für ZWINGLI. Ihr neueste Arbeit ist in Petra Volpes aktuellem Film FRANK & LOUIS zu sehen, der am Sundance Film Festival seine Weltpremiere feiert.
Hattest Du von Anfang an geplant im Film zu arbeiten?
Nach meiner Ausbildung zur Dekorationsgestalterin zog es mich erstmal ins Theater. Anfang Zwanzig erhielt ich zwar mal eine Anfrage für ein Praktikum in Filmausstattung, lehnte aber ab: Ich konnte mir unter Film nichts vorstellen und wollte mich lieber bei Off-Theater- und Kunstprojekten als Bühnengestalterin, Bühnenbildassistentin und Requisiteurin engagieren. Für mich damals «the place to be». Nach ein paar Jahren an der Existenzgrenze, vielen Stunden in dunklen Proberäumen, eigenartigen Zeitplänen und Nebenjobs als Dekorationsgestalterin habe ich dann aus Neugier doch bei einem Diplomfilm-Dreh in der Ausstattung mitgeholfen, und ich war sofort total begeistert! Ich habe anschliessend einen Master in Scenographical Design am Central Saint Martins College of Art and Design in London absolviert. Das war mein finaler Startschuss in die Filmbranche.
Warum ist deine Wahl auf Production Design gefallen?
Da ich mich seit jeher für Räume, Rauminszenierungen, Licht, Design, Architektur und Stilkunde interessiert habe, war es keine Wahl, sondern eine logische Konsequenz. Stimmung, Atmosphäre und Mikrokosmen schaffen mittels Locations, Räumen, Farben, Texturen, das hat mich schon immer begeistert. Was mir beim Film gefiel, war die lange Vorarbeit und das Zusammenspiel aller Teams für diesen einen Moment am Set, wo plötzlich alles passt, und ein Raum entsteht, der Narrativ und Figuren Tiefe und Form verleiht. Das alles begeistert mich bis heute.
Filme erinnern mich manchmal an Träume, vieles ist nicht immer klar fassbar. Subtext und Atmosphäre beeinflussen die Wahrnehmung intuitiv, das finde ich auch beim Design und dessen Umsetzung spannend. Oft sind es die Details, die den Unterschied machen, auch wenn diese nicht unbedingt prominent zur Geltung kommen. Je länger ich diesen Beruf ausübe, desto präziser wird meine Wahrnehmung dafür.
Du warst bei Petra Volpes «FRANK & LOUIS» für das Production Design zuständig. Welche Realität hast Du probiert zu erschaffen?
Petra und ich haben bereits bei mehreren Filmen zusammengearbeitet, und uns verbindet sowohl professioneller Anspruch und Arbeitsweise als auch grosses Vertrauen, Respekt und Freundschaft.
Die Schwierigkeit war, dass die Geschichte in einem US-Gefängnis spielt, wir aber in England und aus finanziellen Gründen auch in der Schweiz drehen mussten. In der UK standen insgesamt gerade mal 3-4 leere Gefängnisse für Dreharbeiten zur Verfügung. Die meisten waren sehr alt und hatten einen typisch alt-englischen Look. Das Gefängnismuseum in Shrewsbury bot die besten Optionen mit verschiedenen Trakten. Ich habe viel online recherchiert, und auch Petra hatte in den USA jahrelang Recherchematerial gesammelt u.a. im California Men's Colony Prison, um zu verstehen, was die wichtigen amerikanischen Details ausmacht.
Wichtig für die Geschichte war, eine kalte, beengende und menschenfeindliche Umgebung zu schaffen, in der die Figuren wie Tiere in Gehegen erscheinen. Es ist ein täglicher, persönlicher Kampf, unter solch Bedingungen Mensch zu sein, und, wie die Geschichte u.a. erzählt, zu Empathie und Nächstenliebe zu finden.
Dabei half die Reduktion auf Gelb-Blau-Grau-Weiss-Töne; Farben, die in den USA oft in Gefängnissen auftauchen und die eine uniforme Stringenz evozieren. Hier spielt auch das Kostüm eine tragende Rolle.
Des Weiteren waren Details wie Beschriftungen, Graphical Prop Design bis hin zu US-Steckdosen wichtig. Das englische Art Department hat eigentlich fast alles hergestellt, was in den sehr reduzierten Räumen zum Einsatz kommt.
In der Schweiz haben wir dann einen Teil des UK-Gefängnisses in einer leeren Halle nachgebaut, was eine Herausforderung in den Details war. Das Shrewsbury Prison wurde 1877 erbaut und seit da x-mal umgebaut und erweitert. Somit war es wichtig, die Texturen und präzisen Details genau zu rekonstruieren. Ich hoffe natürlich, dass dies alles nahtlos ineinanderpassen wird. Ich habe den fertigen Film noch nicht gesehen und bin sehr gespannt!
Welche Rolle spielt KI in deinem Beruf?
KI wird immer mehr Raum einnehmen. Positionen wie Grafik oder Concept Zeichnung und Recherchen werden durch KI effizienter, was sich bestimmt auch auf die Bezahlung auswirken wird. In der Recherche verwende ich da und dort KI Tools, aber Bild-Generatoren verwende ich bis jetzt wenig. Mich stört unter anderem die mittelmässige KI-Ästhetik. Es bringt mir persönlich immer noch mehr, bei knapp bemessener Zeit in einem (digitalen) Bildarchiv, Museen etc. unerwartete Dinge zu entdecken, die mich zu neuen Ideen inspirieren. Der Zufall birgt für mich grosses kreatives Potenzial.
In der Virtual Production spielt KI bereits eine wichtige Rolle. Um VFX Arbeit mitzugestalten, ist es wichtig, als Designer in die Prozesse eingebunden zu sein. Oftmals sieht man erst im fertigen Film, was im Hintergrund eingefügt wurde, das ist auch schon nicht in meinem Sinne passiert. Von daher erachte ich es als wichtig, sich in diesem Bereich weiterzubilden. Ich werde irgendwann gezwungen sein, mit damit zu beschäftigen und tue es lieber freiwillig jetzt schon.
Welche Rolle spielen Preise für dich?
Es ist eine schöne, motivierende Anerkennung, einen Preis für die Arbeit zu erhalten, mit oder ohne Geld. Ich möchte in diesem Zusammenhang erwähnen, dass es beim Schweizer Filmpreis noch immer keine Preiskategorie für Szenenbild, Kostüm und Maske gibt, auch nach wiederholten Vorstössen von Seiten unseres Berufsverbandes. Die Schweiz ist ausser Dänemark wohl eines der wenigen europäischen Länder, welches keine Preise in diesen Kategorien vergibt.
Unter diesen Umständen war der Spezialpreis der Schweizer Filmakademie, den ich 2019 gemeinsam mit Kostümdesignerin Monika Schmid, für die Arbeit am Projekt «Zwingli» gewonnen habe, als ganz besonderer, wertvoller Moment.
Frei nach «the good, the Bad, and the ugly»: Was würdest du deine Arbeit beschreiben?
The Good: Ich liebe es, in der frühen Phase eines Projektes in Recherche und Entwurf einzutauchen. Ich baue die Welt vor meinem inneren Auge, kreativ und inspirierend. Da entwickelt sich für mich die Leidenschaft für ein Projekt. Ich durfte in den letzten Jahren viele spannende, und auch historische Projekte umsetzen. Ich liebe Historisches, weil auch mein Interesse für Geschichte, Epochen, Stilkunde und Zeitreisen zum Zuge kommt. Es ist noch immer mein Traumberuf.
The Bad: Zum Beruf gehören leider auch regelmässig Stress, Zeit- und Leistungsdruck, schlaflose Nächte, mögliche schwierige Teamkonstellationen, wochenlange Abwesenheit von Familie und Freunden. Man kann schwierigen oder unprofessionellen Arbeitsbedingungen ausgeliefert sein, und eine hohe Flexibilität ist Voraussetzung für die oftmals kurzfristige Projektplanung. Wenn sich Projekte plötzlich überschneiden oder gar abgesagt werden, hat das auch Auswirkungen auf die finanzielle Sicherheit. Dabei bleibt die Work Life Balance manchmal monatelang auf der Strecke. Es gehört also auch eine Prise Masochismus dazu!
The Ugly: Wenn eine Filmarbeit, die ich ja nur auf einem Abschnitt begleite und mitverantworte, am Schluss einfach nicht funktioniert, der Film nach kürzester Zeit wieder aus den Kinos verschwindet oder die Kritiken schlecht sind, dann kann das manchmal schon frustrierend sein. Film ist eine komplexe Kunstform, und Meisterwerke seltene und faszinierende Ausnahmen!
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